Miriam Hollstein und Insa Gall Familien-Abenteuer „3 plus“ (Welt am Sonntag 24.04.2011)

Paare aus der Mittelschicht mit vier Kindern sind eine Rarität und haben es
nicht leicht im Alltag. Warum sie sich trotzdem auf das Wagnis einlassen

Nur 300 000 Familien in Deutschland haben vier Kinder oder mehr

Früher war Urlaub für Volker und Corinna Holtfrerich eine spontane
Angelegenheit. Gebucht wurde vier Wochen vorher, oft auch übers Internet,
gepackt am Vorabend. Heute erfordert schon der viertägige Osterausflug an
die Ostsee eine strategische Vorbereitung von mindestens zwei Tagen.
Windeln, Schwimmflügel, Wechselkleidung, Bücher, Hörspiele - nichts darf
vergessen werden. Übers Internet bucht Volker Holtfrerich kaum noch
Urlaubsreisen. Der Grund: Die Suchmasken sind dort meist nur für Familien
mit zwei Kindern ausgerichtet. Die Holtfrerichs aber haben vier.

Der Statistik zufolge gehören Familien wie die Holtfrerichs zu einer
aussterbenden Art. Waren in den 50er-Jahren Familien mit vier und mehr
Kindern noch üblich, so dominieren heute die Einkindfamilien. 2009 gab es in
Deutschland knapp zwölf Millionen Familien mit Kindern. Gut sechs Millionen
davon hatten nur ein Kind, 4,3 Millionen zwei Kinder. Mit der Zahl der
Kinder schmilzt auch die Zahl entsprechender Familien drastisch. Insgesamt
nur 231 000 hatten vier Kinder und lediglich 76 000 fünf Kinder und mehr.
2005 hatte die Zahl der Familien insgesamt noch bei 12,5 Millionen Familien
gelegen, 237 000 davon hatten vier Kinder - 6000 mehr als im Jahr 2009.

Historisch gesehen hatte die Großfamilie im 17. und 18. Jahrhundert ihre
Blütezeit. Anders als beim heutigen Familienideal waren die Beziehungen
dabei eher von der ökonomischen Abhängigkeit geprägt als von großen
Emotionen. Zur Familie gehörten nicht nur Blutsverwandte, sondern auch
Dienstboten, Freunde, Lehrlinge. Erst mit der Industrialisierung setzte sich
allmählich die Kleinfamilie durch.

Heute ist das Modell Großfamilie nur noch in bestimmten Bevölkerungsgruppen
verbreitet: Dazu zählen laut dem Monitor Familienforschung von 2007 vor
allem sozial schwache Familien, bei denen die Eltern einen niedrigen
Bildungsstand haben und mit den Kindern mangelnde berufliche Perspektiven
kompensieren, sowie Familien mit Migrationshintergrund. Bei der klassischen
Mittelschicht ist die Mehrkindfamilie "3 plus" hingegen zur Rarität
geworden. Eine Zeit lang wurde sie vom Ideal der "Dinks" (Double Income no
Kids), der kinderlosen Doppelverdiener, geprägt. Inzwischen ist auch hier
die Ein- bis Zweikindfamilie die Norm.

Dass sie dieser nicht entsprechen, erleben die Recklinghäuser Sandra und
Guido Röseler immer wieder. Ob im Zoo oder im Schwimmbad - die Familienkarte
gilt immer nur für zwei Kinder. "Das ärgert mich", sagt die 39-jährige
Sandra Röseler. Gewünscht hat sich die gelernte Sprachtherapeutin immer
schon viele Kinder, obwohl sie selbst nur mit einer Schwester aufwuchs.
Heute hat sie mit ihrem Mann Guido, Controller bei einem mittelständischen
Unternehmen, die zehnjährige Jana, den achtjährigen Linus, den sechsjährigen
Mats und den vierjährigen Lennart. Abgesehen von den genormten
Familienkarten gibt es nicht viel, was die Röselers aus der Fassung bringen
kann. "Man wird mit jedem Kind entspannter", sagt Sandra Röseler, die acht
Stunden in der Woche in einer logopädischen Praxis arbeitet.

Unterstützt werden die Röselers von den Großeltern, die in derselben Stadt
leben und einspringen, wenn Not am Kind ist. Dass die Röselers auch
finanziell gut über die Runden kommen, liegt nicht zuletzt an einer penibeln
Planung. Vor dem gemeinsamen Kirmesbesuch etwa wird genau festgelegt, wie
viel Geld jedes Kind ausgeben kann. So bleiben die Kosten überschaubar.

"Wenn man vorher durchrechnen würde, wie viel Kinder insgesamt kosten, würde
man keine mehr bekommen", sagt Volker Holtfrerich, PR-Stratege in Berlin.
Was der 39-Jährige und seine ein Jahr jüngere Frau inzwischen hingegen sehr
genau überlegen, ist, welche Freunde sie mit all ihren Kindern besuchen
können - und welche nicht. "Wenn wir als halbes Dutzend da einfallen, fühlen
sich einige schnell überfordert oder sorgen sich um die Unversehrtheit ihrer
Einrichtung", sagt Holtfrerich, der für einen großen Energieverband
arbeitet. Dass es vier Kinder werden würden, war bei den Holtfrerichs nicht
von Anfang an geplant. Vielmehr ging die Kinderfrage "Schritt für Schritt"
voran. "Jedes Kind war eine positive Erfahrung", sagt Volker Holtfrerich:
"Wir sind nie entmutigt worden, sondern dachten jedes Mal: Mensch, es fühlt
sich gut an."

Der größte Sprung ist nach Ansicht des Berliner Familienvaters ohnehin der
von null auf ein Kind: "Das verändert das ganze Konzept der Partnerschaft."
Auch das zweite Kind sei "heftig", weil die gelernte Aufmerksamkeit nun
geteilt werden müsse. Spätestens ab dem dritten gebe es dann aber
"Synergieeffekte". Ähnlich hat es auch die einstige Bundesfamilienministerin
Ursula von der Leyen (CDU) einmal ausgedrückt. Vom vierten Kind an, sagte
die siebenfache Mutter in einem Interview, erzögen sich die Kinder quasi
gegenseitig.

Natürlich haben die Kinder das Leben der Holtfrerichs verändert. Sie haben
ihre Wohnung im urbanen Stadtteil Kreuzberg gegen ein Häuschen mit Garten im
großbürgerlichen Dahlem eingetauscht. Aber so tief greifend wie zuvor
manchmal gefürchtet war die Veränderung dann doch nicht. Die Reiselust etwa
ist geblieben. Als Nic, der Jüngste, geboren wurde, nahm sich Volker
Holtfrerich ein Jahr Elternzeit, und die Familie reiste mehrere Monate durch
Argentinien.

In dem südamerikanischen Land waren die Holtfrerichs plötzlich Normalität.
Dort sind fast alle Restaurants wie selbstverständlich mit Räumen für Kinder
ausgestattet, in den Supermärkten gibt es Extrakassen für schwangere Frauen
und solche mit Kleinkindern. In Deutschland vermisst Holtfrerich diesen
selbstverständlichen Umgang: "Hier sind Kinder inzwischen ein kostbares
Gut", hat er festgestellt.

"Mehrkindfamilien werden in Deutschland als Ausnahmefall betrachtet", sagt
auch Siegfried Stresing, Geschäftsführer des Deutschen Familienverbands und
selbst Vater von fünf Kindern. Während in Frankreich drei und mehr Kinder
nicht nur üblich, sondern auch ein Prestigegewinn seien, sei in Deutschland
das Gegenteil der Fall. Das belegt auch eine neue Studie des Bundesinstituts
für Bevölkerungsforschung. Ihr zufolge glauben 18 Prozent aller Kinderlosen,
dass ihr gesellschaftliches Ansehen durch ein Kind steigen würde, aber nur
noch vier Prozent der Eltern, die ein oder zwei Kinder haben. Mütter und
Väter mit drei oder mehr Kindern befürchten hingegen, mit jedem weiteren
Kind an sozialem Prestige einzubüßen.

Das Aussterben kinderreicher Familien wäre nach Ansicht von Stresing eine
Katastrophe. "Das Entscheidende beim Problem des demografischen Wandels ist
nicht die Frage, ob die Menschen kein oder ein Kind haben - Mehrkindfamilien
fehlen." Das bestätigt auch der siebte Familienbericht der Bundesregierung.
Ihm zufolge ist vor allem der Trend zur Kleinfamilie dafür verantwortlich,
dass in Deutschland die Geburtenrate so niedrig ist.

Dabei mangelt es nicht am Kinderwunsch. Umfragen wie die Shell-Jugendstudie
zeigen, dass sich junge Menschen ausdrücklich Kinder wünschen - und zwar in
der Mehrzahl. In der Praxis liegt die durchschnittliche Kinderzahl dann bei
1,36 Kindern pro Frau. "Die Politik muss klarmachen, dass Mehrkindfamilien
nicht nur für Sonntagsreden erwünscht sind", sagt Stresing. Sein Verband
fordert deshalb unter anderem ein "Betreuungsbudget" in Höhe von 700 Euro,
das im Gegensatz zum "Betreuungsgeld" allen Familien zustehen würde. Zudem
fordert der Verband die Entlastung von Familien im
Sozialversicherungssystem.

Welchen Stellenwert die Familie bei den Wenzlers aus Hamburg hat, erkennt
man auf den ersten Blick. An den Wänden der Altbauwohnung in Harvestehude
hängen Dutzende von Bildern der Kinder in allen Lebenslagen. Eine große
Familie zu haben ist für Nicola Wenzler "einfach ganz viel Glück". Sie und
ihr Mann Hariolf, Geschäftsführer einer privaten Hochschule, haben sich
bewusst dafür entschieden. Im Grunde hat Nicola Wenzler wenig Verständnis
dafür, wie die Diskussion um Kinder und Familie in Deutschland geführt wird.
"Kinderkriegen ist das Schönste überhaupt, es ist Teil des Lebens, des
Kreislaufs, des Universums", sagt die 42-Jährige. Eigentlich, findet sie,
müsste man eher darüber sprechen, wie man die Bedingungen fürs Kinderkriegen
verbessert.

Entscheidende Voraussetzung ist aber, dass die Basis des Miteinanders
stimmt, wenn man viele Kinder haben will. Denn Rückzugsmöglichkeiten gibt es
in der Großfamilie wenig und Platz für Individualismus oder auch nur
Zweisamkeit kaum. Kürzlich saß Hariolf Wenzler mit seiner Frau in der
Laeiszhalle und lauschte einem klassischen Konzert. "Das fand ich wunderbar
und mir fiel auf, wie selten wir etwas zu zweit machen." Für Nicola Wenzler,
die ihre Berufstätigkeit als Journalistin mit jedem Kind ein Stück
zurückgefahren hat, ist die Familie eine Lebensphase. "Wenn die Kinder
größer werden, stocke ich Stück für Stück wieder auf, da mache ich mir keine
Sorgen."

Was man für das Wagnis Großfamilie braucht? "Optimismus, innere
Ausgeglichenheit und Geduld, gewürzt mit einer gewissen Leidensfähigkeit",
sagt der Berliner Volker Holtfrerich. Ein fünftes Kind planen die
Holtfrerichs zurzeit nicht - dafür aber eine große Party im kommenden Jahr.
Das Motto: "Zehn Jahre Windeln - jetzt ist Schluss.
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