Nachlese zum Fachtag „Jungenarbeit macht Schule!“

Sintje Sander-Peuker vom Bundesverband des Deutschen Familienverbandes veröffentlichte in der letzten Ausgabe der „DFV Familie“ den Artikel „Jungen in der Schule unterstützen“, welchen wir an dieser Stelle gerne unseren Bloglesern präsentieren wollen:

Es war rappelvoll im Saal – mehr als 60 erwartete Besucher waren am 22. Februar ins Dessauer NH-Hotel gekommen, um an einem spannenden Fachtag teilzunehmen. Unter dem Titel „Jungenarbeit macht Schule – Erfolgreiche Ansätze sichern und ausbauen“ hatte der Deutsche Familienverband Sachsen-Anhalt in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung eingeladen. Im Fokus standen die konkreten Lebenssituationen von Jungen, ihre Sozialisation und ihr Rollenverhalten. Welche besonderen Bedürfnisse haben Jungen in der Schule und wie können Lehrer, Erzieher und Sozialpädagogen darauf eingehen?

Zu den Gästen gehörte der Lehrer und Buchautor Uli Boldt aus Bielefeld, der Erziehungswissenschaftler Thomas Stimpel von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Tobias Grunert, der für den DFV als Sozialpädagoge tätig ist. Die Veranstaltung richtete sich an Lehrer, Schulsozialarbeiter, Erzieher und an Fachkräfte aus dem außerschulischen Bereich der Kinder- und Jugendarbeit, die mit Jungen arbeiten. Am Nachmittag gab es vier Workshops zum Thema Jungenarbeit.

In seinem Impulsreferat skizzierte Uli Boldt die Situation von Jungen in der Schule. Seit den siebziger Jahren habe er in seinem Beruf beobachtet, dass sie häufig schlechtere Leistungen als ihre Mitschülerinnen zeigten, sich eher verweigerten. Statistiken belegten, dass Jungen in Förderschulen überrepräsentiert seien, eher ohne Abschluss blieben und häufiger eine Klasse wiederholen müssten. Jungen brauchen offensichtlich andere Rahmenbedingungen, damit sie gut und motiviert lernen könnten, sagte er. Eine Lernverweigerung könne beispielsweise der Versuch sein, Anerkennung bei Gleichaltrigen zu bekommen, sie zu beeindrucken. Ihre Kompetenzen würden dagegen oft gar nicht gezeigt.

Eine Ursache der Situation könnte die  „Männerarmut“ in pädagogischen Berufen seien, meinte Boldt. Zu wenig präsent seien Männer in Kindergärten und Grundschulen und Horten (rund 10 Prozent). Und auch das Rollenbild in den Familien sei häufig derart, dass noch immer Frauen für Kinder und Haushalt zuständig und die Männer eher viel aus dem Haus seien. Jungenarbeit könne hier viel leisten. Dabei gehe es nicht darum, die Mädchen zu vergessen, denn die Lebensplanung von Mädchen/Frauen hänge schließlich auch von der Lebensplanung der Jungen/Männer ab.

Boldt plädierte für geschlechtsspezifischen Unterricht, der den Jungen und Mädchen phasenweise einen Schutzraum bieten soll. Verschiedene Unterrichtsangebote für beide Geschlechter – etwa bei der Leseförderung – zeigten in der Praxis positive Effekte. Untersuchungen hätten gezeigt, dass Mädchen im Anschluss an geschlechtsspezifischen Unterricht in Physik und Naturwissenschaften motivierter in diesen Fächern waren und Jungen größere Motivation für die zweite Fremdsprache zeigten. Ein wesentlicher Einfluss seien natürlich auch die Eltern, betonte Boldt. „Sie sind Vorbilder.“, unterstrich er. Elternarbeit in Kita und Schule sei aus diesem Grund sehr wichtig.

Der DFV engagiert sich hier besonders. Tobias Grunert berichtete in seinem Vortrag über Elternarbeit und Väterfreizeiten, Schulsozialarbeit und Jungenarbeit. In seiner Arbeit mit den Jungen an der Grundschule gehe es vor allem um Identitätsfindung. Er übe mit den Jungen, eigene Grenzen und die anderer Menschen anzuerkennen. Rollenbilder und –erwartungen werden thematisiert, soziale Kompetenzen gefördert. Körperarbeit und Körpersprache gehörten ebenso dazu. Ziel sei es, die Jungen zu stärken und ihnen eine Vielfalt von Männlichkeit erfahrbar zu machen.

Seit zehn Jahren macht der DFV Jungenarbeit in Sachsen-Anhalt. Und der Verein leistet in dieser Hinsicht noch immer Pionierarbeit, sagte DFV-Landesgeschäftsführer René Lampe. Zwar gebe es viel positive Resonanz seitens der Politik, doch oft fehlten die Ressourcen, um die Arbeit auf sichere Füße zu stellen und die vorhandenen Konzepte dauerhaft zu implementieren. 2,25 Stellen in der ProMann-Beratungsstelle werden vom Justizministerium des Landes Sachsen-Anhalt gefördert. Vier Mitarbeiter teilen sich die vorhandenen Personalstellen.

Hätte er drei Wünsche frei, sagt René Lampe, würde er sich wünschen, dass geschlechterreflektive Bildung verbindlich in die Ausbildung von Pädagogen integriert wird. Bisher laufe das an Fachschulen und Hochschulen allenfalls nebenbei. Zweitens brauche es solide Strukturen und eine sichere Finanzierung der Jungenarbeit. Drittens wünscht er sich eine stärkere Unterstützung praktischer Arbeit. Aus seiner Sicht werden häufig Projekte gefördert, die sich vor allem auf den wissenschaftlichen Hintergrund konzentrieren. Viel eher müsse der praktische Bezug gesucht und gefördert werden. Mehr Informationen gibt es unter www.dfv-lsa.de oder www.promann.de .

Buchtipp: „

Susanne Opel-Götz           Ab heute sind wir cool“, Oetinger

Uli Boldt:                               „Ich bin froh, dass ich ein Junge bin.“: Materialien zur Jungenarbeit in der Schule. Schneider Verlag Hohengehren

Buben unterstützen – Männer bringen sich in die Erziehung ein: Das Handbuch für Eltern und LehrerInnen , Obv & Hpt

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