Einblick in die Praxis – Schulsozialarbeit der Grundschule „Lindenhof“

Sophie Schäfer, Zentrale Koordinierungsstelle „Schulerfolg“, DKJS besuchte den Schulsozialarbeiter des Deutschen Familienverbandes an der Grundschule „Lindenhof“: Leise und mutige Kinderstimmen ertönen; die ganze Klasse macht mit: „Mir geht es heute gut, weil mein Papa gesagt hat, dass ich ein Pony (!) bekomme, wenn er im Lotto gewinnt.“ – „Mir geht es heute gut, weil ich nachher beim Lesewettbewerb mitmachen darf.“ – „Mir geht es gut, weil ich gestern mein Seepferdchen geschafft habe und Mama dann mit mir Eis essen war.“ – Das Sozialtraining an der Grundschule Lindenhof ist im Stundenplan fest verankert. Zwei Drittel der ersten Klasse stehen vor der Tafel aufgereiht. Diese Jungs und Mädchen fühlen sich heute richtig gut, sie ordnen sich fröhlich dem lachenden Smiley zu. Die Einstiegsübung des Schulsozialarbeiters holt die Schüler und Schülerinnen dort ab, wo sie kurz nach zwölf Uhr mittags am Ende eines langen Schultages stehen – größtenteils fröhlich.

Mir geht es heute nicht so gut, weil ich Ärger auf dem Pausenhof hatte.“ Bei den traurig blickenden Smileys hingegen kommen auch Bauchschmerzen, gestorbene Hundebabys oder Krach auf dem Schulhof zur Sprache. So wird der Schulsozialarbeiter Sebastian Müller, ein aufmerksamer, freundlicher Mann, der sichtbar mit Spaß bei der Sache ist, gegebenenfalls auch mal hellhörig und fragt nach, wenn es einem Schüler öfters nicht gut geht. Die Schülerinnen und Schüler lernen, ihre eigenen Gefühle zu kommunizieren und Verständnis für andere zu entwickeln.

Schulsozialarbeit an einer Grundschule heißt vor allem, den Erstklässlern bei der Eingewöhnung zur Seite zu stehen und mit praktischen Tipps behilflich zu sein. Die unbekannte Umgebung, neue Regeln und das wachsende Sozialgefüge – das sind für die Kleinen die großen Herausforderungen. Sebastian Müller, von den Kindern einfach Basti genannt, findet es besonders wichtig, dass sich die Kinder in der Schule wohlfühlen, dass sich eine Einstellung wie „Bäh, Schule, das macht keen Spaß“ gar nicht erst verfestigt. Die noch jungen und neugierigen Schülerinnen und Schüler sollen mit Lust, Spaß und Freude dabei sein. Je älter die Kinder werden, desto besser kann Sebastian Müller mit ihnen arbeiten und sie wirkungsvoll unterstützen: „Die ersten und zweiten Klassen kennen mich und wissen durch das Sozialtraining so ungefähr, was ich mache. Aber ab der dritten Klasse geht es dann los, da wächst das Verständnis noch mal. Die Kinder wissen dann ganz genau, wofür ich da bin, klopfen an meine Tür, erzählen, wenn es zum Beispiel zu Hause nicht so gut läuft und ob wir da was machen können.“ 

Früh übt sich – Grundsteinlegung für Spaß und Freude am Lernen

An den Grundschulen werden auch, und vielleicht ist das am wichtigsten, die persönlichen sozialen Grundlagen für die weitere Schulzeit gelegt. Schon hier können sich Einstellungen, Frustrationen, Misserfolg oder Angstgefühle entwickeln, die später dazu führen, sich von der Schule zu distanzieren. Deshalb sollte Schulsozialarbeit an Grundschulen flächendeckend selbstverständlich sein, meint Sebastian Müller. „Beim Hausbau fängt man ja auch nicht mit dem Dach an!“ Die Schulsozialarbeit unterstützt Schülerinnen und Schüler, sich im System Schule mit den vielen Regeln und Anforderungen zurechtzufinden. Frühzeitig wird Hilfe geboten, um selbstständig Lösungen zu finden. Damit kann späteren Reibungen, Unsicherheiten und Konflikten, die stets die Gefahr von schwerwiegenden, nicht nur temporären Brüchen mit sich bringen, vorgebeugt werden.

Übergänge und Kontinuität – Schulsozialarbeit als Begleitung schulischer Biographien

Besonders bedeutend ist der Faktor Kontinuität, denn das aufgebaute Vertrauensverhältnis zur Schulsozialarbeit, dieses Wissen der Schüler um mögliche Ansprechpartner, sollte auch in den weiterführenden Schulen wieder aufgegriffen werden. „Ich finde es wichtig, auch in der fünften, sechsten, siebenten Klasse das Gefühl haben zu können, okay, ich hab jetzt ein Problem, und ich kann dahin, dafür ist derjenige da. – Wenn sich dann bestimmte Anlaufstellen und Strukturen, wie z.B. eine Streitschlichter-AG oder ein Jungentreff, wiederfinden, gibt das auch noch mal einen besseren Halt in der abermals neuen Umgebung der weiterführenden Schulen“, so Sebastian Müller. Die Schulsozialarbeiter der verschiedenen Schulen in der Regionen arbeiten gut vernetzt und miteinander – kontinuierlich und nachhaltig. Manchmal reicht schon ein Telefonanruf beim Kollegen an der anderen Grundschule, um die bestmögliche Unterstützung für einen bestimmten Einzelfall organisieren zu können.

Die warme Dusche“ oder warum Schulerfolg bereits ab der ersten Klasse gesichert wird

Zum Ausklang des Sozialtrainings sitzt heute Lisa vor der ganzen Klasse. Sie drückt gespannt beide Hände auf ihre Beine, schaut ab und an auf den Boden – und doch würde der Rest der Klasse sofort mit ihr tauschen wollen. Lisa lächelt schüchtern, aber froh und aufgeregt. Heute bekommt sie eine sogenannte warme Dusche, ihre Mitschüler melden sich und sagen ihr, was sie an ihr mögen. Tobi findet Lisa lustig, Nele mag Lisa, weil sie ihre Sitznachbarin ist und aus der letzten Reihe hört man, dass Lisa toll ist, weil sie hilfsbereit ist. Am Anfang des Schuljahres lief das noch nicht so gut, beim ersten Mal fiel einfach keinem etwas ein, beim zweiten Mal wurden dann eher die tollen Schuhe gelobt oder die schönen Haare. Mittlerweile wird mehr nachgedacht, das eigene Verhalten wird reflektiert. „Das können und machen auch die Kleinen schon“, erzählt der Schulsozialarbeiter zum Abschluss unseres Gesprächs, „ein schöner Moment ist, wenn jemand vorne sitzt, der sonst eher als Miesepeter bekannt ist, und auch der bekommt dann mal ein paar schöne Sachen zu hören, der freut sich ja auch, und kann dann vielleicht auch mal eine ganz andere Seite von sich zeigen.“ Es sind diese kleinen, unscheinbaren Lernprozesse, die zu einem positiven Unterrichtsklima beitragen und Schule zu einem Ort machen, an dem sich alle Schülerinnen und Schüler gerne aufhalten.

Sophie Schäfer, Zentrale Koordinierungsstelle „Schulerfolg“, DKJS

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